Die Vorstellungen des deutschen Menschen vom Paradiese sind schlicht und ganz von dieser Welt: Scheißegal wo, Hauptsache mit Zapfanlage. Um diese höchstmögliche Form der Glückseligkeit schon hienieden antesten zu können, hämmert der Bekloppte reihenweise Bierhähne ins irdische Jammertal. Der ehemalige Heizungskeller, notdürftig mit Fichtenrauspund zur Haifischbar genagelt - die Zapfanlage macht ihn zum deutschen Himmel. Noch die müdeste Sofaparty mit Kleinerts von gegenüber wird zum Bacchanal, wenn das Partyfäßchen auf dem Servierwägelchen sintert. Gipfel des Zapfwahnes sind diese merkwürdigen Planwagen, die im Sommer durch die Naherholungsgebiete zuckeln. Unter schwitziger LKW-Plane hocken in sengender Mittagshitze die feisten Touris und lassen sich vom dampfenden Gnadenbrötler durch die Heide wackeln. Allein, es lohnt die Tortur. Denn was wohl haben wir da zusätzlich zum Cassettendeck mit Blu-BoMucke auf dem Entertainment-Hänger? Richtig! Eine Zapfanlage! Fern vom angestammten Platz an der Theke wird das Wunder des Zapfhahnes erst richtig offenbar. Man stelle sich vor: Ein Hahn kommt aus der Wand oder einem Möbel und anstelle des erwarteten schnöden H20 sprudelt erquickender Gerstensaft aus dem Absperrventil. Größtmöglichstes aller vorstellbaren Wunder! Die Germanen wären 1000 Jahre früher durchchristianisiert worden, hätte der Nazarener, statt Wasser in Wein zu verwandeln, einen Zapfhahn in den Sinai gehämmert und "O zapft is" gebrüllt.
Der Deutsche wird niemals müde, sich alltäglich dieses Wunders zu vergewissern: Ein Hahn wird geöffnet, und ohn' Unterlaß ergießt sich die blonde Labsal in die Welt - gezähmt nur vom noch größeren Durst des Biertrinkers. Drum ist der Zapfhahn das religiöse Symbol des deutschen Menschen. Und was in den Kellern geschieht, unter den schwitzenden Plastikplanen hinter dampfenden Rössern, in den sommerlichen Baumarktpavillons - das ist der deutsche Gottesdienst. Die Vierteldrehung am Messinghahn, das sich nachfolgend schäumend ins Glas ergießende Bräu - das ist gelebtes Heidentum, das sind archaische Saturnalien über Jahrhunderte weitergereicht an die nächste Generation. Andere Völker können das nicht verstehen. Wer das Bier nur aus der Flasche kennt, wird nie begreifen, daß im Zapfhahn das Versprechen der Ewigkeit verborgen ist. Hier wohnt der Traum vom nie versiegenden Quell. Und - sind wir mal ehrlich - es ist die schönste Religion, die sich je ein Mensch erdacht hat. Und wir Deutschen, wir fürchten nichts auf der Welt, außer daß vor ihrem Ende das Bier alle ist - das wäre dann der übelste Zapfenstreich, den man uns gespielt hätte.